Ende Februar 2001:

Schafe auf der Winterweide

Jedes Jahr etwa um die selbe Zeit sind sie plötzlich wieder da: der Hirte mit seiner Schafherde und seinen Hunden. Wenn man spazieren geht, hört man sie meist schon lange bevor man sie gesichtet hat. Und hat man sie endlich entdeckt, dann sind sie schon wieder weg. Einige Tage lang kann man sie rund ums Dorf verfolgen, von einer Wiese auf die nächste. Nach gut einer Woche sind sie dann plötzlich wieder ganz verschwunden, bis zum nächsten Jahr. Um mehr über das Woher und Wohin zu erfahren, haben wir dem Schäfer einige Fragen gestellt und seine Informationen zu dem nachfolgenden Bericht zusammengefaßt.


Ende Oktober geht der Schäfer mit seinen Schafen auf die Winterweide. Fast ein halbes Jahr wird er durch Eifel und Hunsrück ziehen, um die Tiere von einer Wiese zur nächsten zu führen. Kein Wiesenbesitzer stört sich daran, wenn der Schäfer einmal im Jahr seine Schafe auf den fremden Besitz treibt. Die Route ist die folgende:
Von seinem Heimatort Daun zieht er nach Rüber, nach ca. 3-4 Wochen bewegt er sich zur Mosel nach Löf. In Löf geht er über die Löfer Brücke nach Brodenbach. Hinter Brodenbach, genau genommen hinter dem Hotel Peifer zieht er über den alten Postweg nach Morshausen. Von dort geht er am 'Zecheheck' zum Forellenhof ('Wollef') und auf die andere Talseite nach Macken. Dort bewegt er sich Richtung Kastellaun. In dieser Region zieht er in Richtung Mosel und wieder zurück nach Kastellaun. Von dort geht es per LKW anfang April wieder zurück in die Eifel.
Die jeweilige Tagesroute legt der Schäfer kurzfristig fest. Er wählt immer den kürzt möglichen Weg. Während seine Herde grast und die Hunde oder der Weidezaun darauf aufpassen, fährt er mit seinem Auto voraus, um die nächsten Wiesen zu inspizieren. Dabei hat er leider nicht mehr so viel Auswahl wie vor einigen Jahren,weil viel mehr Flächen beackert werden. Außerdem muß der Schäfer gegüllte Felder ausschließen, da die Schafe sich weigern, auf derart unschmackhaften Wiesen zu speisen. Je nach Geschmacksknospe können solche Wiesen bis zu drei Monaten mißachtet werden.


Wenn die Herde über stark befahrene Straßen geführt wird, dienen die Warnblinklichtanlagen von je einem Auto vor und hinter der Herde als Absicherung. Die Hunde sorgen dafür, daß die Herde dicht zusammen bleibt. In der umsichtigen Fahrweise der Autofahrer liegt dann die Vorraussetzung zum Gelingen des Projektes 'Schafwanderung'. Vorausgesetzt er hat die betreffende Strecke abgesichert, ist der Schäfer gegen Verkehrsunfälle versichert. Glücklicherweise kommen diese aber nur sehr selten vor.


Die Hundeerziehung übernimmt der Schäfer. Er erteilt möglichst kurze Befehle, meistens reicht sogar ein Wink. Ein Hund braucht etwa ein Jahr, um voll arbeitsfähig zu sein. Die Feinheiten, lernt er mit den Jahren. Je älter der Hund, desto größer seine wertvolle Erfahrung.
Ein Schäferhund ist nur dann in der Herde einsetzbar, wenn er den 'Hütetrieb' hat. Das erkennt man daran, daß der Hund den Drang hat, Flächen abgrenzend zu umlaufen. Dabei hält er sich instinktiv an Weidezäune, Feldraine, etc.. Während der Ausbildung ist immer ein erfahrener Schäferhund dabei, der dem jungen Tier als Vorbild dient.
Insgesamt hat dieser Schäfer fünf Hunde, zwei nimmt er immer mit zur Herde. Dort müssen sie in der Lage sein, die Herde auf einer vorgebenen Fläche zu halten , sie auf einen Haufen zusammen zu treiben, weiter auf die nächste Wiese zu jagen, ein abseits geratenes Schaf zur Herde zu bringen, ein vermißtes Schaf aufzustöbern, usw.. Dabei sind die Hunde nicht gerade zärtlich. Um sich Respekt zu verschaffen, beißen sie auch schon mal zu. Der Hirte muß dann mit einem Befehl den Hund in seine Schranken weisen.
Das Verhalten des Schäfers ist für die Schafe maßgeblich. Bewegt er sich von der Herde weg, eilen ihm die Leitschafe nach (das sind die ältesten Muttertiere in der Herde) und die restlichen Schafe folgen ihnen.
Damit die Übersicht gewahrt bleibt, werden die Schafe von Zeit zu Zeit gezählt. Dafür treiben die Hunde sie durch einen Zwangstrichter. Das sind vier Holzgatter, die zu einem Trichter aufgebaut werden: _/ \_. Die Schafe kommen in Reih und Glied aus der engen Öffnung hervor und können ohne Durcheinander gezählt werden.


Die Schafe leben ausschließlich unter freiem Himmel, sie stehen auch kalte Winter ohne nennenswerte Probleme durch. Wenn ein Muttertier bei extremen Wetterbedingen vor hat, ein Lamm auf die Welt zu bringen, muß der Schäfer eingreifen. Würde das frisch Geborene bei z.B. -15C das Licht der Welt erblicken, hätte es nur geringe Chancen zu überleben. Lediglich ein ausgesprochen gutes Muttertier hätte Chancen, das junge Tier zum Überleben zu verhelfen. Es müsste sein Junges sofort trocken lecken, es mit sanften Tritten auf die Beine und an den Euter zwingen. Da das Risiko bei solchen Temperaturen einfach zu groß ist, nimmt der Schäfer das Muttertier zur entsprechenden Zeit mit nach Hause. Wann der Zeitpunkt gekommen ist, erkennt der Hirte an verschiedenen Merkmalen: Kurz vor dem Lammen ändert das Schaf sein Fressverhalten und sondert sich von der Herde ab. Der Euter schwillt an und die äußeren Geschlechtsorgane verändern sich.
Bei milden Temperaturen werden die Lämmer jedoch in der Herde geboren. I.d.R. können sie quasi sofort nach der Geburt auf ihren kurzen Beinchen mit den Großen mitlaufen.
Die Schafe sind 5 Monate trächtig und Lammen etwa 3 mal in 2 Jahren, meistens 1 Lamm. Die meisten Lämmer werden im Dezember und Januar und von Ende April bis Juli geboren und bis zu 8 Monaten gesäugt. Wird ein Schaf vom Muttertier nicht angenommen, nimmt der Schäfer es mit nach Hause. Der Hirte, bzw. seine Frau, legt das Schaf dann mehrmals täglich einer Ziege an. Ziegenmilch gilt als besonders nahrhaft und ermöglicht damit eine schnelle Aufzucht der 'Problemlämmer'. Die männlichen Lämmer werden in den meisten Fällen kastriert und fortan Hammel genannt.
Böcke - also geschlechtsreife männliche Schafe - hat dieser Schäfer zur Zeit insgesamt 5 Stück in seiner 500 Schafe starken Herde. Aggresiv gegenüber dem Menschen werden sie nur, wenn die Herde zu klein ist. Dann ist der Beschützerdrang der Böcke entsprechend größer. Die Böcke kämpfen untereinander eine Rangordnung aus. Wenn der Hirte Pech hat, kann das auch schon mal zum Tod von dem einen oder anderen Bock führen. Falls er sich bei einem agressiven Machtgetümmel in der Nähe befindet, geht der Schäfer auch schon mal mit dem Stock oder dem Hund dazwischen.


Mit dem Stock fängt er sich auch ein Schaf. Das macht er, wenn eine Behandlung (etwa eine Impfung oder eine Klauenpflege) nötig wird. Dann müssen die Hunde die Schafe auf einen Haufen treiben. Mit seinem gebogenen Stock geht er dem Schaf in die Weiche (bei uns wäre das die Leiste), packt es anschließend am Hals und wirft es auf die Seite. Je nach Größe des Tieres wird dieser Vorgang zu harter körperlicher Arbeit.
Geimpft werden die Tiere 2 mal im Jahr gegen Würmer, wobei eine Spritze etwa 1,- bis 1,50 DM kostet. Außerdem werden sie alle 1 bis 2 Jahre gebadet, damit sie lästige Parasiten loswerden. Dabei werden bis zu sechs Schafe gleichzeitig in eine Badewanne befördert: Über eine Rampe rutschen sie mit dem Hintern zuerst in das Badewasser. In dem Becken werden sie mit Hilfe eines Stabes ein bis zwei Mal untergetaucht. Mindestens eine Minute sollten sie im Wasser sein, damit das Fell ganz durchtränkt wird.
Einen Tag Arbeit muß der Schäfer dafür einkalkulieren. Dem Wasser sind unbedenkliche Mittel zugesetzt, die nicht gesondert entsorgt werden müssen.
Klauenpflege muß der Hirte ständig durchführen. Durch scharfe Steine haben die Tiere häufig kleine Verletzungen an den Klauen. Dank der matschigen Verhältnisse entzünden sich diese Wunden recht oft und beginnen zu eitern. Diesen Eiterherd schneidet der Hirte heraus und behandelt die betreffenden Stelle mit Desinfektionsmittel.
Einen Tierarzt braucht der Schäfer nicht. Allenfalls wenn er Schafsfleisch von seinem Hof aus privat verkauft, muß ein Veterinär zur Fleischbeschaung kommen.


Das meiste Fleisch verkauft er an einen festen Abnehmer. Für das Schaf bekommt er zur Zeit 4 DM/kg. Die Schafe werden bis zu neun Jahren alt (vorausgesetzt man läßt sie) und können bis zu 100 kg schwer werden. Im Schnitt wiegen sie 70-80 kg. Ihr Gewicht kann ihnen in ungünstigen Positionen jedoch zum Verhängnis werden: werden die Tiere auf den Rücken gedreht, drückt der schwere Pansen auf das Zwerchfell, so daß die Schafe innerhalb von 10 Minuten ersticken können.


Durch solch einen grausamen Erstickungstod kommen jedoch die wenigsten Schafe ums Leben. Natürliche Feinde haben sie auch keine. Der Schäfer kann sie ohne weiteres über Nacht alleine lassen. Lediglich ein Weidezaun hält sie dann zusammen auf einem Fleck. Selten, daß der Schäfer in der Nacht zu seiner Herde gerufen wird. Dann hat beispielsweise ein streunender Hund Unruhe in die Herde gebracht. Ansonsten verbringen Hunde und Schäfer die Nächte auf dem eigenen Hof.
Von April bis Oktober sind auch die Schafe auf der Eifel. Der Hirte hat dort rund um seinen Hof eine Pachtfläche, auf der er die Herde auf der sogenannten Sommerweide grasen läßt. Während dieser Zeit muß er auch seiner Landwirtschaft nachgehen, die das hauseigene Zufutter für Schafe und einige Rinder produziert.
Auf der Winterweide müssen die Schafe zugefüttert werden, wenn zuviel Schnee liegt. Dann bekommen sie Heu und Zuckerrüben. Die Lämmer bekommen auch ohne Schnee ihr Zubrot: ein Gemisch aus Getreide und Zuckerrüben. Damit die großen Schafe die Schnauzen von den Leckerlies für die Kleinen weglassen, gibt es dieses Wägelchen. Da gelangt kein ausgewachsenes Schafmaul an die nahrhafte Nahrung für die Jungtiere heran.


Ende Mai / Anfang Juni kommen zwei Neuseeländer auf den Hof, um die Schafe zu scheren. Einen Tag lang sind sie damit beschäftigt, die Schafe von ihrer Wolle zu befreien. Die Wolle hat keinen wirtschaftlichen Nutzen. Zur Zeit bokommt der Schäfer 70 Pf pro Kilogramm Wolle. Das reicht nicht aus, um die Kosten für das Scheren zu decken.


Ein interessanter Job, jeden Monat etwas anderes. Allerdings hat die Familie keinen einzigen Tag Urlaub im Jahr. Es gibt auch keine Sonn- und Feiertage. Vielleicht mal ein paar Sonn- und Feierstunden. Dieser Schäfer ist gerade mal 35 Jahre alt und macht seinen Job schon seit 21 Jahren. Dazu hat ihn nicht etwa ein elterlicher Hof animiert, das hat er ganz aus freien Stücken gemacht. Die Lehre eines Schäfers dauert 3 Jahre, der theoretische Teil wird auf den jeweiligen Landwirtschaftlichen Schulen erlernt. Geprüft wurde dieser Schäfer in Neumühle bei Kaiserslautern. Er hat einen schönen und für heutige Verhältnisse mega-gesunden Beruf gewählt. Wir wünschem ihm alles Gute und danken ihm sehr für das ausführliche Gespräch.



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