Karbräuche in Morshausen



Jeder Murscher weiss, dass das ein „Rombelkaste“ ist.

Das weiss aber längst nicht jeder Deutsche. Gebaut hat sie, zumindest in Morshausen, der alte Schreiner Fritz. Dessen Sohn Rudi ist bereits Rentner. Aber wenn er heute gefragt wird: „Kannst du mir einen Rumpelkasten bauen?“, sagt Rudi gerne ja, denn er „möchte dieses Brauchtum erhalten“. Malodde Bernd ist übrigens Eigentümer eines Kastens, den sein Urgroßvater, namentlich Vater des besagten Fritz, Ende des 19. Jahrhunderts gebaut hat. Bernds Rombelkasten ist im Jakob-Kneip-Museum in Morshausen ausgestellt.


Film-Team und Fritz, drei Tage bei der Arbeit im hergerichteten Werkstatt-Filmstudio im Jahr 1984/85


Jedes Jahr laufen die Murscher Kinder von Gründonnerstag bis Karsamstag mit diesen Kästen durch das Dorf und ersetzen lautstark das Läuten der Glocken.

 

Denn diese schweigen in Gedenken an Christi Leiden. Am Ostersonntag läuten die Glocken wieder als Zeichen der großen Freude, dass Christus von den Toten auferstanden ist.
Als weiteres Zeichen der Trauer wird sogar das Kreuz in der Kirche verhüllt. „Die Überlieferung, an den Kartagen die Kirchenglocken durch hölzerne Instrumente zu ersetzen reicht bis ins Mittelalter zurück. Anfang des 12. Jahrhunderts schreibt Abt Robert von Deutz, dass man während dieser Tage die Gottesdienste mit einem großen Schallbrett, auf das man mit einem Hammer schlage ankündige. Später dienten dazu mächtige Turmratschen, die der Küster bediente. Mit der Zeit übernahm die Dorfjugend mit Handklappern diese Funktion.“ (Quelle: Landschaftsverband Rheinland Amt für Brauchtumspflege)
Allerdings gibt es auch die Legende, dass die Glocken vor Ostern nach Rom fliegen, um zu beichten oder Reisbrei zu essen.


Ob so oder so, die Kinder machen sich jedenfalls die Mühe und laufen dreimal pro Tag durch das Dorf, beginnend am Gründonnerstag um 11.15 Uhr. Dann starten sie am Backes.

Namen: Alina, Helena, Laurin, Lennert, Joshua, Jana-Sophie, Janine,Jonah, Carla, Marc, Eric, Finja, Maximilian, Nick, Tristan, Niklas, Anna, Jonas, Joshi, Finn, Marius, Jana, Maxi, Paula, Marie, Leon, Lara, Jessica, Lea (etwa 10 der Kinder waren bei der Gruppenaufnahme leider nicht anwesend)

 

Damit der Gang durchs Dorf effizient in 30 Minuten absolviert werden kann, laufen kleine Untergruppen durch die Seitenstraßen. Etwa alle 50 Meter halten die ältesten der Gruppe ihren Kasten in die Höhe. Das ist das Zeichen dafür, dass alle Kinder anstelle des Klapperns eine Ankündigung machen. Sie rufen an Gründonnerstag, mittags: „Meee-dach, Hahne kra-ach, iwamoije on dann de dach is ustada-ach“ (Mittag, der Hahn kräht, übermorgen und dann der Tag ist Ostertag).
Morgens um sechs Uhr, wenn das halbe Dorf noch schläft, gehen die ältesten Kinder durchs Dorf und singen: „Ave maje, aus da bedda raus“ (Ave Maria, aus den Betten raus) und abends um 18 Uhr singen sie „Ave maje, in die bedda renn“ (Ave Maria, in die Betten rein).

Nur an Karfreitag gibt es einen extra Rundgang, um die Dorfgemeinschaft zu einem Ereignis zusammen zu rufen, das wahrscheinlich weltweit einmalig ist: Das Verteilen der „Stutzewecke“.

Hintergrund ist folgendes Vermächtnis:


„Ich, Johannes Kneip, verschreibe hiermit das Letzte, so ich mein Eigen nenne auf dieser Welt – dreihundert Gulden dänischer Währung – für die Kirche der Gemeinde Morshausen, im Trierischen gelegen. Ein gut Stück Acker soll man dafür kaufen und den Pachtzins soll man also verwenden: Alljährlich in der Karwoche soll man davon Stutzwecken backen und etliche Quart Wein kaufen und auf Gründonnerstag sollen in der Kirche alle Armen, Elenden und die Kinder vom Dorf zusammenkommen, allda für meine arme Seele zu beten und im Gedenken an Christi Abendmahl sollen sie die Wecken essen, so von den Kirchenschöffen gehälftet, in Wein getunkt und ausgeteilt werden. Wenn aber in jenen Tagen der Trauer, wo keine Glocke mehr läutet, die Buben mit den Klappern durchs Dorf laufen und die Tageszeiten ausrufen, so sollen sie dahinter jeweils rufen: „Herr, erbarme dich des armen Johannes“.
In Christi Namen allen, die dies lesen, Gottes Segen, Gruß und Wohlergehen.
Kopenhagen auf St. Martin 1782“

Welche Verbindung bestand denn zwischen Kopenhagen und Morshausen? Davon mal abgesehen, dass beide Orte sich durch ihre Schönheit auszeichnen, stammte Johannes Kneip aus Morshausen und war in seinem erwachsenen Leben Weinhändler in Kopenhagen. Dessen Vermächtnis ist zur Tradition geworden. Schlau wie Johannes Kneip war, wird also auch heute noch für seine Seele gebetet. Es gibt nur ein paar Kleinigkeiten, die verändert wurden:
Die Pacht des gekauften Ackers reicht nicht mehr für die Menge an „Stutzewecke“ aus, die gebacken werden. Wahrscheinlich wird auch aus diesem Grund kein Wein mehr gereicht. Die Kosten für die „Stutzewecke“ werden nur noch zum Teil von der Pacht gedeckt, die Differenz wird durch andere Unterstützung finanziert. Somit stehen körbeweise Brote in der Kirche für die Betenden bereit.


Die „Wecken“ werden nicht mehr gehälftet, sondern als ganzer Leib ausgeteilt. Sie sind etwa so groß wie drei Rosinenbrötchen und – die Rosinen mal weggedacht – genauso schmackhaft.
Die süßen Brote werden nicht mehr nur an „Arme, Elende und Kinder“ ausgeteilt, sondern an alle Murscher. Dabei genügt es, wenn einer pro Familie mit einer Tasche erscheint und für den Rest der Familie die Brote nach dem Gebet mit nach Hause nimmt. Allerdings ist das nicht im Sinne des Erfinders, da gilt eher die Devise: Brot für Gebet.


„In jenen Tagen der Trauer, wo keine Glocke mehr läutet“, laufen nicht nur „die Buben mit den Klappern durchs Dorf“, sondern auch die Mädchen und als Begleitung für die ganz Kleinen auch manche Papas und Mamas. Und die Kinder rufen nicht mehr „Herr, erbarme dich des armen Johannes“. Besagter Johannes muss sich mit den Gebeten in der Kirche zufrieden geben.


Die Wecken werden nicht mehr am Gründonnerstag, sondern am Karfreitag mittags ausgeteilt. Aus diesem Grund machen die ältesten Kinder den oben genannten extra Rundgang um 12.30 Uhr durch das Dorf und rufen: „Ave Maje, in die Kersch renn“ (Ave Maria, in die Kirche rein), damit die Bürger um 13 Uhr in der Kirche anwesend sind und gemeinsam für Johannes beten. Nachdem das Glaubensbekenntnis gesprochen wurde, folgen fünf „Vater unser“ und „Gegrüßet seist du Maria“. Beschlossen wird das gemeinsame Gebet mit folgenden Worten:
„Der süße Name unseres Herrn Jesus Christus, seiner glorwürdigsten Jungfrau Maria, seiner Mutter, sei gebenedeit von nun an bis in Ewigkeit. Es segene uns mit ihrem lieben Sohn die Jungfrau Maria. Alle abgestorbenen Christgläubigen mögen durch die Bamherzigkeit Gottes ruhen in Frieden. Amen.
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heilgen Geist. Wie es war im Anfgang so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.“

Mal abgesehen davon, dass es sehr schlau war von Johannes, auf diese Weise die frommen Gebete über Jahrhunderte hinweg für sich zu erhalten, verbindet diese Tradition die Murscher Bürger, solange wir denken können. Folglich ist es eine dankenswerte Tätigkeit aller derjenigen, die daran mitwirken, dass diese Tradition auch erhalten bleibt - angefangen bei den klappernden Kindern.

Namen: Jana-Sophie, Finja, Joshi

Name: Lea, Lara, Anna


Und bestimmt geschieht es in jedem Jahr, dass sich mindestens ein Kind einen Scherz erlaubt. Dieses Jahr war es Helena, die als älteste die Gruppe angeführt hat. Helena blieb eigens vor Maschas offenen Fenster stehen, um ihr lautstark ein Extraständchen zu bringen. Da Maschas Beruf zur Zeit Schüler in Ferien ist, war das morgens um sechs Uhr besonders pricklend für sie. Von derartigen Geschichten wissen gewiss noch mehr Murscher zu berichten!!!: kontakt@morshausen.de 

Die ältesten der Kinder ziehen am Karsamstag nach dem letzten Klappern von Haus zu Haus und sammeln Eier, Geld oder Süßigkeiten für alle, die mit durch das Dorf gelaufen sind. Auf dem Foto sind sie bei Schule Maria zu sehen.

Die meisten der Kinder gehen aus Begeisterung mit und erhalten diese Tradition mit Eifer. Das großzügige Bonbon durch die Sammlung im Dorf haben sie sich allesamt verdient. Eier, Geld und Süßigkeiten werden in einem der Häuser der ältesten Kinder aufgeteilt. In diesem Jahr fand das bei Niklas statt. Mascha hat sich die Mühe gemacht und diese Aktion mit vielen Bildern festgehalten. Leider können sie durch einen technischen Defekt nicht von der Kamera auf den Computer übertragen werden. Falls das doch noch gelingen sollte, reichen wir die Bilder nach.

Namen: Finn, Helena und Niklas

Und was das Wetter betrifft, ist an den Fotos unschwer zu erkennen, dass es dieses Jahr an Ostern mäßig war. Es war kalt, es hat sogar mal geschneit, dann geregnet, Hagel war auch dabei. Nichts desto trotz sind etwa 40 Kinder munter durchs Dorf gelaufen. Die Pflanzenwelt hat sich auch nicht einschüchtern lassen. Dank des starken Frostes ohne schützende Schneedecke haben sämtliche Halme und Äste im Winter schwer eins über die Mütze bekommen. Das diesjährige erwachen fällt der Natur sichtbar schwer, aber ein paar Schönheiten sind schon zu entdecken.

Letztes Jahr war das anders, da kam der Frühling mit großer Wucht und brachte gleich den Sommer mit. Dafür war letzterer zu der ihm angedachten Zeit plötzlich nicht mehr da. Dieses Jahr sieht alles anders aus. In diesem Sinne: Eine gute Zeit und frohe Ostern!
Anmerkung der Redaktion: Herzlichen Dank an Schreinersch Rudi, der uns einige der Fotos zur Verfügung gestellt hat, ein paar der Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2011.