Zurück in der Heimat


von Gabi Novak-Oster

Er war nicht für die Bauernarbeit, sondern für Bücher geschaffen. Weder die Rüben des Hunsrücks, noch die Reben der nahegelegenen Mosel waren sein Ding. Jakob Kneip galt eher als rheinischer Rebell. Doch die Heimat war ihm nur scheinbar fremd, denn immer wieder kehrte er zurück - auch in seinen Gedichten und Geschichten. In Morshausen wird nun ein Kneip-Museum eröffnet.

Als der Regisseur Edgar Reitz seine "Heimat" vorstellt und mit der 16stündigen Dorfchronik Fernsehgeschichte schreibt, da springt selbst auf Fremde ein Funke über. Ein Funke, der bei Reitz längst ein Feuer entfacht hat: die Liebe zum Hunsrück, seiner leibhaftigen Heimat. Liebe zu den Menschen im Hunsrück - manchmal ebenso rauh wie die Landschaft. Liebe zum Wind über den weiten Feldern, zur gleißenden Sonne über den Dörfern. Nie zuvor wurde der Hunsrück so eindrucksvoll und treffend porträtiert. Nie zuvor durch das Medium Film, muß richtigerweise eingeschränkt werden. Denn in der Literatur findet sich durchaus ein Vergleich, und der ist dem Dichter Jakob Kneip zu verdanken.

Doch es ist kein Geheimnis, daß die Menschen von Morshausen ein zwiespältiges Verhältnis zu Jakob Kneip haben - oder zumindest hatten -, und das hat mit ihrem Verständnis von ländlichem Leben zu tun. Oder anders herum: mit dem Unverständnis Kneips für das Rackern auf Feld und Hof. "Aus dem wird nichts", sollen ganz Gescheite bereits bei seiner Geburt am 24. April 1881 gesagt haben, denn der kleine Jakob erblickte bei schlechtem Wetter das Licht der Welt: Am Weißen Sonntag schneite es im Hunsrück kräftig.

Wie Jakob Kneips Leben dann wirklich verlief, ist älteren Bewohnern noch vertraut, doch nicht alle sprechen gerne oder offen darüber. So bliebe den jungen Menschen das Tun (und Lassen) des berühmten Sohnes ihres Ortes zunehmend verborgen, hätte nicht vor Jahren ein Umdenken begonnen. Einem Team von zehn Morshausenern ist es zu verdanken, daß nun in der oberen Etage des wunderschön renovierten Backeshauses sogar ein Kneip-Museum eröffnet werden kann.

Den Anstoß dazu gab Kurt Biersch, der sich bereits lange vor seiner Tätigkeit als Ortsbürgermeister dafür eingesetzt hatte, eine Straße im Dorf nach "Jakob Kneip" zu benennen. Biersch hatte noch selbst erlebt, wie Kneip immer wieder in die alte Dorfschule kam und von den Kindern wissen wollte: "Wer sen ich?" Nicht seinen wirklichen Namen wollte er dann hören, sondern "Dreese Jakob", wie man ihn in Morshausen nannte und wie jedes Kind ihn kannte.

Auch Elmar Gorges, einst Junglehrer in Morshausen und nun im Kneip-Team engagiert, erinnert sich an die Besuche: "Wenn er durchs Dorf ging, immer im grünen Lodenmantel, dann blieb er bei jedem stehen." Aber er blieb nie lange, vertröstete: "Ich komme später mal wieder." Und das tat er auch.

Jakob Kneip bekommt in seinem Geburtsort also ein Straße, doch das ist nur der Beginn eines versöhnlichen, ja eines gar ehrenvollen Aufarbeitens seines Lebens. Denn Kurt Biersch liegen wenig später 20 Bücher auf dem Tisch, die zwar als "Ladenhüter" gelten, die aber durchaus Einblick in Kneips abwechslungsreiche schriftstellerische Arbeit geben. Als der Hunsrückverein dann auch noch vor drei Jahren mit großem Erfolg Kneips "Hunsrückweihnacht" neu auflegen läßt und Regierungspräsident Gerd Danco mit einer Lesung junge und alte Zuhörer begeistert, sind die letzten Zweifel beseitigt, Kneip in seiner Heimat ein Andenken bewahren zu müssen. Immerhin war er hier 1951 zum Ehrenbürger ernannt worden.

Wer Jakob Kneip verstehen will, muß sich bereits mit seiner Kindheit befassen - oder Werke lesen, in denen er das selbst tut. Wo er von "meiner Mutter harten Blick" schreibt und von einem "düsteren Land", in das er geboren wurde. Andererseits setzt er dem Jammern und Klagen über die schwere Landarbeit seine Liebe zum Hunsrück gegenüber, der für ihn "eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration" ist. Kneip gilt als Träumer, gar als "Jammerlappen" unter den derben Hunsrückern. Und man schaut ihn schief an, als er das Dorf und damit der Hände Arbeit verläßt, um zu studieren.

Als er dann das Priesterseminar in Trier vorzeitig verläßt, ist er in Morshausen "unten durch". Keiner kann nachvollziehen oder gar verstehen, warum ihm alles zu eng geworden ist und daß er ausbrechen muß - aus dem Studium ebenso wie aus der "Provinz". Dieser Drang nach Freiheit ist später noch mehrfach zu beobachten. Als Lehrer bleibt er nie lange an einer Schule, 1948 hört er schließlich ganz auf. "Er fühlte sich von den preußischen Strukturen zu sehr eingeengt", hat Wilfried Krämer bei seiner Spurensuche entdeckt. Kneip war nicht nur ein "Hunsrück-Dichter", fügt Krämer hinzu, wobei sein "nur" nicht etwa den Heimat-Dichter abwerten soll. Es gilt vielmehr zu vermeiden, Kneips Arbeit - seine Schriften und seine Gedanken - zu eng zu fassen. Schon seine Studien in Paris und London unterstreichen sein Faible fürs Ausland. "Und er haßte es, vom Erzfeind Frankreich zu sprechen", sagt Elmar Gorges. Als "intelligenten Mann mit guter Beobachtungsgabe" hat ihn Martin Wernecke entdeckt: "Kneip hat früh das Unheil des Dritten Reichs erkannt. Und er hat die Rhein-Linie nicht wie die meisten Zeitgenossen als Grenze, sondern vielmehr als Falz eines aufgeklappten Buches gesehen." Als einen der "ersten Europäer" schätzt ihn deshalb Wilfried Krämer ein und vermutet: "Heute würde sich Kneip wohler fühlen, denn er war der Zeit um Jahrzehnte voraus." Auch das ist es, was dem Dichter Ansehen verschaffte. Und so verwundert es nicht, daß das Landeshauptarchiv Rommersdorf seinen Nachlaß hütet.

Trotz allen freiheitlichen Dranges ist Jakob Kneip einer vom Hunsrück geblieben. Er beschreibt seine Heimat als wild, arm und karg, aber er fühlt sich hier geborgen. "Je mehr er nach draußen kam, um so mehr Sehnsucht hatte er. Ja, sogar Heimweh", sagt Elmar Gorges. Und so ist es ein Glücksfall, daß Kneip 41 Jahre nach seinem Tod an jene Stelle zurückkehren kann, die er besonders geliebt hat: den Backes. Seine Erinnerung hat er so festgehalten: "In diesem Backhaus also, und zwar in der hohen Halle im Erdgeschoß, an deren Rückseite die Backöfen lagen, war nun Tag für Tag unser Spielplatz. Hier waren wir vor Kälte und Nässe geschützt, ja, hier strömte mit den Düften von gebackenem Brot, von Kuchen, von getrockneten Äpfeln und Zwetschen stets eine behagliche Wärme aus."

Auch wenn es in diesem Augenblick die wohlige Hitze eines Ofens ist, die Jakob Kneip beschreibt - Wärme empfindet er auch im übertragenen Sinne und trotz scheinbaren Widerspruchs: im Herbststurm, der über die Felder fegt, unterm Kreuz in der eiskalten Kirche, im Angesicht seiner strengen Mutter. Wärme, das ist für den "Europäer" Jakob Kneip Geborgenheit in der Heimat. Im Hunsrück.

(Mit freundlicher Genehmigung der Rhein-Zeitung Koblenz)


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